Unser Auenland
 

Was hat das Ahrtal mit dem Auenland zu tun?

Ja, aber wirklich! Was hat das Ahrtal mit dem Auenland zu tun? Anbei ein Erfahrungsbericht eines Anwohners aus einem kleinen Ort an der Ahr, in dem es mehrere Tote gab. Vielleicht haben wir das Glück, dass wir nicht die Hügel haben, dass das Wasser hier in die Fläche geht, aber sollten wir nicht auch aufpassen, nicht die gleichen Fehler zu machen?  

Wir können Euch dazu eine gut gemachte Dokumentation empfehlen, die kostenlos abrufbar ist. Diese klärt auch über die Hintergründe auf.  https://www.arte.tv/de/videos/106167-000-A/die-nacht-als-die-flut-kam/

Aber jetzt zum Interview:

Vor einem Jahr gingen Bilder des Ahr-Hochwassers wochenlang durch die Medien. Die anschließende Hilfsbereitschaft und das Entsetzen darüber waren riesig. Wie haben Sie die Flut und die anschließende Tage über- und erlebt?
Ich habe am Abend der Flut mit meiner Familie beim Abendessen gesessen und die Pegelstände der Messstation Altenahr beobachtet. Als der Pegel dort auf 4 m anstieg war mir klar, dass mein Keller volllaufen würde. Die Feuerwehr hat Warnungen rausgegeben die Keller vor Hochwasser zu schützen. Kurze Zeit später lief das Wasser jedoch schon unter meiner Haustüre - welche 3 Stufen höher liegt als das Straßenniveau – durch. Wir haben dann schnell einige Lebensmittel und Getränke auf den Speicher gebracht und als wir wieder im Erdgeschoss ankamen standen wir schon Knietief im Wasser. Lediglich das Fernsehgerät konnten wir dann noch abhängen und ebenfalls auf den Speicher bringen. Danach war das Erdgeschoss schon zu hoch geflutet. Wir haben dann einige Dinge aus dem ersten Obergeschoss noch auf den Speicher gebracht, jedoch nicht sehr viele, da das Wasser dann auch schon dieses Geschoss überflutet hatte. Strom hatten wir zu dieser Zeit schon keinen mehr, da dieser frühzeitig abgeschaltet wurde. Ich habe dann mit einer Taschenlampe auf der Treppe zum Speicher gestanden und das Steigen des Wassers beobachtet bis der Pegel nicht mehr anstieg. Das war irgendwann in der Nacht. Wir haben dann versucht etwas auszuruhen, was jedoch schwierig war durch die extrem lauten Geräusche des Wassers. Ab und zu schlugen auch einige Gegenstände, welche die Flut mitgerissen hatte (Autos, Baumstämme, Gastanks) gegen die Fassade. Den nächsten Tag verbrachte ich mit meiner Familie dann auf dem Speicher und wir haben den Rückgang des Wasser beobachte und mit den Nachbarn, welche auch alle an den Dachfenstern waren, gesprochen. Erst am 16.07.2021 haben wir dann den Speicher verlassen und uns die Verwüstung in unserem Haus angeschaut. Das Haus verlassen konnten wir zunächst nicht, da in dem Raum, durch welchen wir aus dem Haus gehen ein Schrank von innen vor die Tür gefallen war. Das Rolltor zu unserem Innenhof war nach innen eingedrückt und ließ sich nicht öffnen. Ich habe mir dann einen Weg durch die Trümmer in der Küche gebahnt und bin dann durch das Fenster auf die Straße gesprungen. Alles war voll mit Schlamm und Treibgut. Es waren schwierige Tage, da wir keinen Strom, kein Wasser, keine Lebensmittel und auch nur noch die Kleidung, welche wir trugen, besaßen. Das Mobilnetz funktionierte auch nicht mehr, so dass wir komplett von der Außenwelt abgeschnitten waren.
Zu unserem großen Glück kamen von Anfang an sehr viele Helfer, zunächst mit Bollerwagen auf denen Kaffeekannen und belegte Brötchen waren, so dass wir etwas zu essen und zu trinken hatten. Die Zahl der Helfer war überwältigend und sie haben mit aufgeräumt, uns Notstromaggregate und Hochdruckreiniger gespendet und uns mit Lebensmitteln versorgt. Ein Kran- und Bergungsunternehmen ist aus Butzbach, Hessen, mit mehreren Radladern, Baggern und Container LKW angerückt und hat unsere Straßen vom Müll befreit. Die Müllberge türmten sich auf ca. 2,50 m in den Straßen und es gab kein Durchkommen mehr. 

"Das Unternehmen hat eine Woche lang nur Müll abgefahren und uns geholfen die Häuser leer zu räumen." 

Anschließend haben sie uns noch Bautrockner besorgt. Das Unternehmen unterstützt uns bis heute noch bei Wiederaufbau. Alles in allem sah es in den ersten Wochen nach der Flut aus wie in einem Endzeit Horrorfilm. Selbst die zahlreichen Hilfsorganisationen und der Katastrophenschutz waren mit der Situation komplett überfordert. Im Ahrtal haben ca. 130 Menschen ihr Leben bei der Flut verloren.


"Ohne die riesige Menge an Unternehmen und freiwilligen Helfern, welche teilweise einige Monate im Ahrtal in Camps gelebt haben, hätten wir diese Katastrophe nie bewältigen können."

Gab es besondere Momente, an die Sie zurückdenken?
Besondere Momente waren die Zeiten, die wir mit den Helfern verbracht haben, als wir abends nach getaner Arbeit zusammen gesessen haben. Es sind viele neue Freundschaften daraus entstanden und viele Kontakte werden auch für immer bestehen bleiben. Auch der Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft hat sich als sehr hilfreich erwiesen. Man hat sich gegenseitig geholfen und Mut gemacht. Trotz des ganzen Elends haben wir oft zusammen gesessen und gefeiert und sogar Spaß zusammen gehabt. Einige Helfer haben sich sogar im Ahrtal niedergelassen und Häuser gekauft. Wir wurden alle zu einer großen Familie.

 


Guckt man heute nach Ihrer Gemeinde, sieht man Presseberichte mit achtstelligen Schadenssummen und deutliche Ankündigungen vom Land wie „Die Turnhalle wird nicht mehr in die Autäler der Ahr gebaut, sonst gibt es kein Geld“. Was sagen die Anwohner in der Gemeinde? Kann man diese Ansagen nachvollziehen?
Solche Ansagen kann man durchaus nachvollziehen. Es gibt sehr viele Überlegungen dazu, durch welche Umstände es zu dieser Katastrophe kommen konnte. In den vergangenen Jahren wurden immer mehr Ausdehnungsflächen entlang der Ahr aufgeschüttet und bebaut. 

 

"All diese Gebäude verursachen einen Rückstau des Wassers und lassen die Pegel ansteigen. Desweiteren wird durch diese Gebäude die Oberfläche versiegelt. Es werden unbedingt mehr Ausdehnungsflächen für das Wasser benötigt."

Auch die Brücken entlang der Ahr haben zu einem Rückstau des Wassers geführt. Durch die im Fluss stehenden Pfeiler haben sich dort Bäume, Campingwagen, Autos etc. aufgestaut und es entstand ein solcher Druck, dass die Brücken einstürzten.
Gehen Sie mit einem anderen Blick durch Orte an Flussniederungen?
Wenn wir heute durch den Ort gehen überlegen wir immer ob an einigen Stellen die aufgeschütteten Flussufer wieder abgetragen werden sollten und auch einige Gebäude nicht wieder aufgebaut werden sollten. Dass irgendwann wieder ein Hochwasser kommen wird ist hier jedem bewusst, aber wir hoffen, dass dann die Ahr wieder mehr Ausdehnungsflächen hat und es nie wieder zu einer solchen Katastrophe kommen wird. Wir müssen dem Flusslauf unbedingt mehr Platz geben.

 


Gibt es Erkenntnisse der Gemeinde, was nicht mehr gemacht werden sollte und was man anderen Gemeinden mitgeben möchte? Gibt es Ratschläge oder Wünsche einzelner Bürger, worauf Menschen Acht geben sollten?
Seitens der Gemeinde denkt man darüber nach Rückhaltebecken zu bauen und auch Gebiete entlang der Ahr – welche vorher aufgeschüttet wurden - wieder auszubaggern um dem Fluss mehr Platz zu geben. Auch wird diskutiert an welchen Stellen Gebäude nach dem Abriss nicht mehr aufgebaut werden dürfen. Auch diskutiert man darüber die Brücken zukünftig ohne Pfeiler in der Ahr aufzubauen, damit Treibgut nicht mehr aufgestaut werden kann. Die Drahtanlagen der Weinberge entlang der Ahr sollen nur noch in Fließrichtung des Wassers angelegt werden. Auch Dauercampingplätze direkt an der Ahr sollen nicht wieder aufgebaut werden.
Seitens einiger Bürger kommt der Wunsch auf keine Bäume mehr unmittelbar am Ufer zu pflanzen, sowie die Ahrufer kontinuierlich zu pflegen.
Es wird in Zukunft noch viele Überlegungen geben wie eine solche Katastrophe verhindert werden kann. 

"Es wird in Zukunft häufiger zu extremen Wettersituationen kommen und Überschwemmungen werden wir nicht komplett verhindern können. Aber wir können das Ausmaß mildern, indem wir der Natur ihren Raum lassen." 

Auch beim Anlegen der Grundstücke sollte darauf geachtet werden nicht alle Oberflächen zu versiegeln. Der Wiederaufbau im Ahrtal wird noch einige Jahre in Anspruch nehmen und wir hoffen, dass die Natur wieder mehr Freiraum bekommen wird. 


Die Fotos sind mit freundlicher Genehmigung aus dem privaten Archiv zur Verfügung gestellt worden. Wir danken dafür herzlich!

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