Unser Auenland
 

 Wir erhalten ja eine Menge Zuschriften. Eine zum brandheißen Eisen "Nachmittagsbetreuung in Schulen" hat uns besonders imponiert. Wir möchten sie Euch nicht vorenthalten:

Ein Schritt vor und zwei zurück?!

Nach den Sommerferien können die Viertklässler aus 86 Bad Bramstedter Familien nicht mehr in die Nachmittagsbetreuung. (Segeberger Zeitung, 09.07.2022) Der Verein “Lebenswelt Schule” hat die Verträge kündigen müssen, da nicht ausreichend Personal zur Verfügung steht. Im Artikel wird die Bad Bramstedter Bürgermeisterin, Verena Jeske, die zeitgleich Vorsitzende des Schulverbandes ist zitiert. Sie sehe die Verantwortung vor allem bei der Landespolitik, die nicht angemessen auf Hilferufe und Lösungsvorschläge reagiert habe. Nun gut, das können wir Bramstedter nicht nachprüfen und es geht auch nicht darum, den Schulverband zu kritisieren.

Dennoch, der Personalmangel in der Betreuung dürfte ähnlich überraschend kommen wie der im Pflege- und Gesundheitswesen oder auch in der Gepäckabfertigung an den Flughäfen. Einsparen wo es nur geht- und dann fliegt einem alles um die Ohren. 

Verloren haben, mal wieder, Eltern und vor allem Kinder.
Bei den Eltern trifft es besonders alleinerziehende berufstätige Elternteile- aber auch Familien, in denen beide Eltern arbeiten, haben das Nachsehen.
Der “Gender-Pay-Gap”, also der Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern ist noch immer real existent:  https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/03/PD22_088_621.html
Mütter haben häufig durch Schwangerschaft, Mutterschutz und Elternzeit einen Bruch in der beruflichen Biografie, der bei Vätern oft ausbleibt- bei gleichen Berufen und gleicher Qualifikation “leidet” die Karriere einer Frau durch Familiengründung meist mehr als die der Männer. Nicht selten arbeiten Frauen mit Kindern in Teilzeit und statistisch betrachtet häufiger in schlechter bezahlten (sozialen) Berufen. In einer Zeit der steigenden Lebenshaltungskosten bleibt welches Elternteil zu Hause um die Kinderbetreuung zu übernehmen? Wenn “Oma und Opa” nicht zur Verfügung stehen? Genau, doch meist die Person mit dem geringeren Einkommen. Dies trifft dann oft die Frauen und damit die Gruppe, die häufiger in sozialen Berufen arbeitet- so verstärkt sich die Personalnot weiter.

Aber was hat das mit dem Titel zu tun? 

Ein Schritt vor… Bad Bramstedt soll wachsen, schnell, im großen Stil. Die Infrastruktur, auch im sozialen Sektor, ist in unserer Stadt nicht nur an den Belastungsgrenzen, es ist mittlerweile unmöglich, die entstehenden Löcher zu stopfen, weil das Personal fehlt. Schnelles Bevölkerungswachstum, Kita-Neubauten… doch es ist klar, dass Personal nicht auf Bäumen wächst.
Der erste Schritt zurück: wir verschärfen den Notstand.
Der zweite Schritt zurück: Frauen werden wieder “an den Herd” gedrängt, Familien finanziell weiter benachteiligt. Wie soll eine Bad Bramstedter Familie sich ein Haus im Neubaugebiet leisten, wenn ein Einkommen wegfällt? Soll doch für gut verdienende Haushalte von “außerhalb” gebaut werden? Befürworter*innen des Neubaugebiets haben vor uns immer wieder mit dem Wunsch, ihre Kinder und Enkel sollten die Möglichkeit haben, in Bad Bramstedt zu leben, argumentiert.

Ja wie denn, wenn sie es sich nicht leisten können?!
Plant Bad Bramstedt damit am Bedarf vorbei? Was ist denn eigentlich “der Bedarf”, der von Seiten der Befürworter*innen gesehen wird? Sind es “Einheimische”, (zukünftige) Mitarbeitende der Firmen im Gewerbegebiet (von denen bislang noch immer nur Link bekannt ist), sind es Menschen, die dem überfüllten Hamburger Wohnungsmarkt ausweichen wollen oder müssen?


Die Autorin dieses Briefes, die keinen Bedarf an persönlichen Angriffen im Internet hat und daher anonym bleiben möchte, weist an dieser Stelle ausdrücklich darauf hin, dass sie nichts gegen Zuzug einzuwenden hat. Eine Bevölkerungsexplosion auf Kosten von Familien, auf Kosten von Kindern- das ist weder für die bisherigen Einwohner*innen noch für zukünftige Bürger*innen sinnvoll. Die Infrastruktur muss mitwachsen können, ansonsten leiden die, die am wenigsten Einfluss auf die Situation haben, am Meisten. Das sind leider meist die Kinder.


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